Mitleid ist fehl am Platz

Auf seiner Weltreise begegnet Robert Bechina, Jurist im Sozialministerium in Wien und Rechtslehrer an der HAK Mistelbach, den Salvatorianern in Manila. Dort macht er die einschneidenste Erfahrung seiner Reise: Zwischen Gefängnis-Seelsorge, Betreuung von HIV-Infizierten und Unterricht für Kinder aus den Armenvierteln erlebte er Menschen, die ihr ganzes Leben den Benachteiligten widmen.

Ein anderes Leben

„Robert, was hat dir auf deiner Weltreise am besten gefallen?“, fragen mich viele Leute. „Mein Aufenthalt auf den Philippinen“ antworte ich. In Parola, einem der Slums von Manila, arbeitete ich über Vermittlung von P. Franz Exiller und P. Hubert Kranz bei den Salvatorianern im Projekt „puso sa puso“ von P. Artur Chrzanowski als Englischlehrer für Kids und Jugendliche mit.

Text: Robert Bechina ©

Erstmals in meinem Leben arbeitete ich in einem Slum. Unvorstellbare Armut, triste Perspektiven, und wir hatten viel Spaß, miteinander und mit den Kids und Jugendlichen. Vieles hat mich überrascht, wie das gute Essen. Nie hätte ich gedacht, mir mein Mittagessen in einem Slum zu kaufen. Viele Leute thematisieren „die armen Menschen dort“. Meiner Meinung nach hilft das aber Niemandem. Mitleid ist fehl am Platz. Unterstützung ist etwas Anderes.

Menschen, die nicht viel besitzen, lachen dich an

Freundlichkeit, Temperament und Lebendigkeit der Philippinos haben mich stark beeindruckt – Menschen, die nicht viel besitzen, lachen dich an und wollen dich einladen.

Tausende Menschen leben in Parola in einfachen Hütten. Oft eine ganze Familie in einem Raum. Und sie jammern dich nicht an. Vielleicht haben sie sich damit abgefunden. Resigniert. Sehen ihre Situation als unveränderbar an. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es mich in Österreich jetzt furchtbar aufregt, wenn Menschen, die eigentlich mehr haben, als sie brauchen, wegen Kleinigkeiten jammern.

Hier stünden alle Möglichkeiten offen

Auf den Philippinen habe ich viele nette, sympathische, aufgeweckte junge Leute kennen gelernt. Kluge Kids, denen in Österreich alle Möglichkeiten offen stünden, von ihren Eltern gefördert, und auch vom Staat finanziell unterstützt. Andere Ausgangspositionen. Ein anderes Leben!

Wer geht schon am Palm- und Ostersonntag ins Gefängnis? Mit P. Hubert und den vielen Gefangenen die Messe gemeinsam zu feiern, war schon etwas Besonderes. Und die Ordensschwestern zu beobachten, zarte Frauen, die als mutige Ansprechpersonen für Gefangene zur Verfügung stehen.

Salvatorianer: Ein Leben für die Botschaft

Die Bedeutung der Religion, manchmal viel Schein, und dann der harte Alltag, mit Gewalt, Drogen und Prostitution. Auch die katholische Kirche könnte – meiner Ansicht nach – hier eine andere Rolle spielen. Mangelnde Aufklärung, in der Folge Nichtwissen um sexuelle Krankheiten, der Sextourismus und die Verdammung von Kondomen, sind leider oft Nährboden für AIDS/ HIV. Gerade für junge Mädchen aus der Provinz, voll Hoffnung, naiv und unvorbereitet, und für die sich die Familie dann schämt, trotz aller Religiosität, und die am Ende völlig alleingelassen werden.

Die Gespräche mit P. Artur und seine Arbeit im Krankenhaus, in der Begleitung von infizierten, vielen jungen Menschen haben mich tief beeindruckt. In Erinnerung wird mir der Geist der Salvatorianer bleiben, angefangen von den Jungen, den Novizen bis zu den Patres, die ihr ganzes Leben der Botschaft widmeten.

Die Märkte: Burschen, die hart arbeiten, auf oder unter den Ständen oder einfach neben den Melonen – vor Müdigkeit – schlafen, ohne irgendwelche Arbeitnehmerschutzbestimmungen. Die gebackenen Bananen, unbeschreiblich gut! Die Novizen haben sich immer gefreut, wenn ich etwas gekauft und mitgenommen habe und ich habe mich über ihre Freude noch mehr gefreut!

Reich und arm

Die enormen Unterschiede von Reich und Arm geben mir zu denken. Wie lange werden sich Menschen das alles gefallen lassen? Und wie viele Menschen leben jetzt schon hinter Zäunen und Mauern, weil sie sich so sicherer fühlen? Das erinnert mich an die Flüchtlingskrise in Europa, an die vielen Menschen, die aus Afrika und den arabischen Ländern fliehen. Und wir fragen uns nach all den Beiträgen, die das koloniale Europa – der Kontinent von Voltaire und Montesquieu – und unsere Wirtschaftspolitik in der Welt angerichtet haben: „Warum kommen die zu uns?“.

Mir bleiben viele Erinnerungen und das Bewusstsein, wie gut es uns in Österreich geht und dass man das, was man im Leben tun will, auch wirklich machen soll. Jetzt, nicht erst in der Pension.

Erkennungszeichen und Solidarität

Wir trugen in Parola immer T-Shirts mit dem Zeichen von „puso sa puso“, damit uns die Leute im Slum erkennen. Ansonsten wäre es wahrscheinlich gefährlich, einfach so hineinzuspazieren. Dieses T-Shirt trug ich, als ich in Dubai das einzige Mal in meinem Leben in die First-Class-Lounge von Emirates ging. Man kann sich dort „einkaufen“, auch wenn man, wie ich, Economy fliegt. Das Essen und der Champagner waren gut. Noch viel beeindruckender aber waren die Herzlichkeit und die Freude, mit der mich die dort arbeitenden Philippinos aufnahmen, als sie sahen, dass ich in ihrem Land als Volontär gearbeitet habe. Auch das werde ich nicht vergessen!

Robert Bechina ist Jurist im Sozialministerium in Wien und Rechtslehrer an der HAK Mistelbach

Mehr zum Projekt

Der Artikel erschien in Ausgabe 1 /2018  der Zeitschrift „die Salvatorianer“ zum Schwerpunktthema Mission

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