Opium gegen das Erwachen

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. (Vgl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

Viele Christen reiben sich an diesem Zitat. Marx wird deswegen oft als Feind der Religion gesehen. Dabei beinhaltet seine Philosophie durchaus auch sehr wahre Analysen und eine fast biblische Hoffnung. Marx wollte die Kirche nicht beleidigen. Ich glaube, er sah in ihr viel mehr den Grund, warum die Revolution oft ausblieb. Nicht ganz unberechtigt wie ich finde. Er wollte die Menschen handeln sehen.

In meiner Arbeit im Slum begegne ich täglich extremer Armut und Elend. Auf den ersten Blick lächeln sie alle, diese Menschen. Doch wenn man den Mut hat genau genug hinzusehen, wird man merken, dass das auch schon alles ist. Kaum einer spricht darüber: Armut. In Baracken ohne Klo und Dusche hausend, von Tag zu Tag lebend, von Mahlzeit zu Mahlzeit. Aus der amerikanischen Besatzungszeit ist geblieben, dass jeder weiße Joe genannt wird. Also rufen sie mir nach: “Hey Joe, give me Money. I am hungry!“ So fühle ich mich wie den Widerspruch in dieser Welt: Ambivalent, Symptom und Bekämpfung in einer Person. Ich arbeite für eine Wohltätigkeits-Organisation, doch in den Ferien reise ich, am Wochenende feiere ich und dazwischen konsumiere ich. Globalisierter Kapitalismus. Manche sind arm, manche sind reich. Und nein, Chancengleichheit ist kein Argument. Chancengleichheit ist eine Utopie: Die allermeisten kommen niemals aus dem Slum raus.

Warum stehen die Menschen hier nicht auf? Warum gibt es keine Revolution? Es kann doch nur besser werden. Es gibt nichts zu verlieren, außer einer Baracke aus Holz und Plastikmüll.
Das hat sich Marx wohl auch gedacht, als er im London der industriellen Revolution lebte. Er wollte diese Menschen befreien und da war die Kirche wenig hilfreich. Zwar hat die Kirche immer schon soziale Organisationen gehabt, die den Armen helfen. Das war aber reine Symptombekämpfung und keine Ursachenbehebung. Religion gibt Hoffnung und Sinn. Das ist notwendig zum Leben. Jedoch wird diese Hoffnung zumindest im Christentum oft viel zu abstrakt gesehen. Irgendwann komme ich in den Himmel, eines Tages wird alles besser. Es wird verkannt, dass Jesus jetzt gerade an deiner Seite ist. Immer. Es ist ein Gott der Wunder. Jedoch ging das damals im Elend unter. So auch hier im Slum. Kirche wird zu reiner Symbolik. Ein Ableiern von Traditionen. Wenn ich brav in die Kirche gehe, komme ich vielleicht in den Himmel. Die Menschen in den Philippinen sind extrem katholisch. Es gibt so viele Feiertage und Riten. (Es kommt hier zu fast abergläubischen Gedankengängen. Z.B. Gott bestraft mich) Doch wie in Deutschland habe ich hier oft das Gefühl, dass keiner wirklich daran glaubt, in einem Gebet geheilt zu werden. Die Substanz des Glaubens geht verloren. Dieser pragmatische Glaube, an einen Gott der hier und jetzt Wunder wirkt, hätte Marx bestimmt wesentlich weniger gestört, als der konservativ abstrakte Glaube, der den Menschen noch eine Rechtfertigung gibt, nichts zu tun um den Menschen zu helfen, sondern brav plumpe Traditionen abzuarbeiten.
Denn was Marx brillant analysiert, ist die Ungleichheit die in unserer Welt herrscht und was daraus folgt: Eine Revolution. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensqualität treibt die Menschen an. Und es braucht meiner Meinung nach diese Hoffnung. Den Glaube daran, dass diese Verbesserung wirklich konkret gelingen kann. Vielleicht hat gerade der Kommunismus diese Hoffnung gegeben. Die armen Arbeiter wittern ihre Chance und gehen auf die Barrikaden. Proletarier aller Welt vereinigt euch!

Doch was dann?
Eine Sache werde ich an Marx nie verstehen. Warum sollte diese letzte Revolution in einem funktionierenden Kommunismus enden? Warum sollte ein fast paradiesisches Konstrukt wie eine Welt in der alle „gleich“ sind plötzlich funktionieren? Warum sollten es die Proletarier besser machen, es sind doch auch nur Menschen?
Angesichts dessen, dass wir Menschen das soziale System in dem wir leben ausnützen, obwohl wir davon abhängig sind. Des Weiteren beispielsweise gegen Krieg demonstrieren, während wir Waffen exportieren und wie ich den Menschen helfen, die zuvor erst durch meine eigenen Konsumwahn in diese Situation gekommen sind, kann ich da keinen Grund finden.
Somit ist der Kommunismus (in der Form wie Marx ihn beschreibt, nicht wie die Menschen versuchten ihn zu praktizieren.) fast eine religiöse Hoffnung. Die Hoffnung auf diese Utopie hat die „Vereinigung der Proletarier“ überhaupt erst möglich gemacht.
Es scheint mir, als wäre diese Hoffnung auf eine Welt ohne soziale Ungleichheit, eine sehr christliche. Doch die Bibel gibt mehr her als nur die Idee der Gleichheit.

Es geht um Liebe und Gerechtigkeit. Das ist in jedem Fall genug Stoff für eine Revolution.
Es ist Zeit die Tradition und den Konservativismus in den Hintergrund zu stellen und praktisch zu werden. Damit meine ich nicht noch mehr Hilfsorganisationen zu gründen. Damit meine ich, dass jeder anfängt die Botschaft von Jesus zu leben. Die Nächstenliebe nicht den Katechismus.
Es geht um diese Welt und unser Handeln, auch wenn das wenig ist im Vergleich zum ewigen Leben danach, dass uns Jesus verspricht.
Es geht um deine persönliche Beziehung zu Jesus heute. Dem Typ der für mich und dich am Kreuz gestorben ist aus Liebe.Es geht darum, mit Nächstenliebe diese unsichtbare Mauer des Systems niederzureißen und den Menschen zu begegnen; Arm und Reich hier in Manila und der ganzen Welt.
Es geht darum auf die Menschen zuzugehen. Manfred Spitzer schreibt in seinem neuen Buch von einem weltweiten „Megatrend“ zur Einsamkeit. Christ sein bedeutet, ohne Menschenfurcht für andere zu beten. Nicht nur das rein physikalische Alleinsein auszuhebeln, sondern zu lieben.
Es geht um eine Kirche auf der Straße. Nicht nur in den Kirchen am Sonntag. Mit in der Kirche hocken und auf den jüngsten Tag warten, ist es nicht getan.

Opium betäubt das Volk, doch eine lebendige Kirche die den Glauben lebt, erweckt die Menschen. Dann ist da kein Seufzer der bedrängten Kreatur, sondern ein Aufschrei eines Revolutionärs für die Liebe. Der Kommunismus funktioniert nicht, Liebe schon. Also: „Christen aller Welt vereinigt euch!“

 

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